Wenn sich einer vor die Kamera stellt und sagt: "Mein Ergebnis ist eine Katastrophe!", dann bleiben auch dem kritischsten Reporter seine Fragen im Hals stecken. Nick Heidfeld erlebte 2008 die schwierigste Saison seiner gesamten Motorsport-Karriere, und die dauert schon 20 Jahre. Auch in Momenten schmerzender Niederlagen stellte er sich. Durch seine Probleme, die Reifen im Qualifying auf Temperatur zu bekommen, hat er Punkte verloren. Aber nicht seinen Charakter. Er ist selbstbewusst und entwaffnend ehrlich. Er sprach nicht nur in gefasster Ruhe immer wieder über die Komplexität, das Reifenpotenzial auf einer einzelnen Runde voll auszunutzen, er ließ sich auch auf der Strecke zu keinerlei Jetzt-erst-recht-Aktionen hinreißen. Und vor allem: Er arbeitete an seinem Problem und löste es mit Hilfe der Ingenieure. Ein realistisches Selbstbewusstsein ist die Basis von Nicks Offenheit. Die Frage, ob er sich um seinen Job sorge, parierte er im Sommer 2008 stets mit: "Nein, ich mache mir um meine Qualifying-Leistung Sorgen. Sie muss wieder auf das Niveau der Rennperformance, dann klappt auch der Rest." Nick fährt Rennen, dass es eine Freude ist. Fünf der besten Überholmanöver 2008 gingen auf sein Konto – jedes Mal überholte er gleich zwei Autos auf einmal. Für seine Zweikampfstärke und seine Rennintelligenz erhielt er auch in schwierigen Phasen Lob vom Chef. Er übt seinen Traumberuf mit Herzblut und Verstand aus – und mit der souveränen Ruhe, die aus Erfahrung geboren wird. Ruhe gönnt sich der Wuschelkopf auch bei Interviews, die Themen abseits der Rennstrecke berühren. Ob Kunst, Mode, Reisen oder Familie. Es gelingt ihm, seine Familie einerseits zu schützen, sie andererseits aber nicht zu verbergen. Er hat sie möglichst oft um sich und plaudert bereitwillig über Patricia, mit der er in wilder Ehe lebt, und den gemeinsamen Nachwuchs. "Kinder sind das Tollste, was es gibt", schwärmt er und erzählt strahlend von tapsigen Gehversuchen seines im Sommer 2007 geborenen Sohnes Joda oder den Faxen der zwei Jahre älteren Tochter Juni. "Es fällt mir schwer, auch mal streng zu sein", gibt er zu, "das musste ich lernen." Die Balance zwischen Disziplin und freier Entfaltung ist ihm auch auf Reisen wichtig. Er ist zwar häufig der letzte Formel-1-Fahrer, der an einem Freitagabend aus einem Ingenieursbüro an der Rennstrecke kommt, weil er nicht locker lässt, ehe alle Daten analysiert und besprochen sind, aber danach macht er sein Ding. Er nimmt die Orte wahr, an die ihn sein Beruf führt. Bummeln, Shoppen, Kunstgalerien gehören ebenso zum Programm wie mit der Familie in Disney World herumzualbern. Gutes Essen ist Passion, sein intensives Fitnesstraining verhindert, dass dadurch die muskulöse Jockey-Figur in Gefahr gerät. Nick kam 2008 in jedem der 18 Grands Prix ins Ziel. Er hält einen ungeliebten Rekord: Kein Fahrer wurde in der Formel 1 so oft Zweiter, ohne ein Rennen zu gewinnen. Er hatte erst ein Mal eine echte Chance dazu. Das war 2008 beim Grand Prix von Kanada. Er war auf einer Einstopp-Strategie unterwegs und lag perfekt im Rennen. Wäre es nicht sein Teamkollege Robert Kubica gewesen, der von hinten im strategiebedingt leichteren Auto angekommen wäre, hätte es kein Vorbeikommen gegeben. In der Debütsaison des BMW Sauber F1 Teams 2006 holte Nick als Dritter in Ungarn den ersten Pokal für das junge Team, 2007 den ersten Startplatz in der ersten Reihe und zwei weitere Podestplätze. 2008 fuhr er die ersten zwei schnellsten Rennrunden für das Team und wurde vier Mal Zweiter. Für 2009 hofft er: "Dass unser Auto trotz der radikalen Reglementänderungen siegfähig ist und wir um den Titel mitkämpfen können." Nick Heidfeld will gewinnen.